Sælde und êre - Mittelhochdeutsche Schlüsselbegriffe

Hier mögt ihr nun einiges über Begriffe erfahren, deren Verständnis für die Interpretation mittelhochdeutscher Texte bedeutsam ist ...

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' ... in sîner huote' - der Begriff huote - oder: Hüte dich vor Wortverwechslungen

Vielfach wurde es hier auf unseren Seiten bereits erwähnt: Die Probleme, das uns die Verständnis mittelhochdeutscher Texte erschweren, resultieren nicht etwa nur aus dem Gebrauch der älteren Grammatik oder im Vorkommen unbekannter, weil längst nicht mehr gebräuchlicher, Begriffe - die gibt es, wir wollen es nicht verschweigen, natürlich zur Genüge, etwa dort, wo Rüstung und Ausstattung der ritterlichen Herren und ihrer Rösser beschrieben wird - möglicherweise gar noch mit den damals so aktuellen Lehnwörtern aus dem Französischen ...

Nein, was uns häufig große Schwierigkeiten bereitet, sind einerseits Änderungen in der Wortbedeutung - oder aber Ähnlichkeiten in der (im Mittelhochdeutschen oftmals nicht einheitlichen) Schreibweise unterschiedlicher Begriffe, die uns zu einem vorschnellen interpretatorischen Trugschluss verleiten. Gott behüte uns vor eben solchen Fehlinterpretationen, mit denen wir möglichst wenig am Hut haben möchte.

Klar doch, könnten wir, die wir stets ein aufmerksames Auge auf solch Wortspielereien haben, nun rufen! Das eben erwähnte 'behüten' werde doch wohl auf die im Stamme gleichlautende Kopfbedeckung zurückzuführen sein. Offensichtlich! Und doch in der Aussage verfrüht, weil eben nicht richtig! Wie das?

Um der Angelegenheit auf den Grund zu gehen, müssen wir schon die mittelhochdeutschen Texte bemühen. Und dort finden wir mit dem huot tatsächlich die Kopfbedeckung, freilich in seiner Bedeutung mehr als unseren Hut umfassend - so kann es die Mütze meinen, aber beispielsweise auch den Oberteil des Zeltes. Daneben aber lesen wir auch von huote bezeihungsweise hüeten ... und dass an diesen Stellen nicht die Kopfbedeckung gemeint sein kann, geht recht schnell aus den jeweiligen Zusammenhängen hervor:

...
Niemals ließ man den Jungen ohne Aufsicht ausreiten.
...

(Nibelungenlied, 25,2)

Sicherlich war es dem (unbekannten) Verfasser hier nicht daran gelegen, darauf hinzuweisen, dass Siegfried niemals ohne Hut ausreiten durfte (Oder würden wir von Frau Sigelint erwarten, dass sie ihren Drachentötersohn mit den Worten : 'Hast du dich auch recht ordentlich warm angezogen, mein kleiner Liebling?', auf Aventiuren ausschickte?). Immerhin - man kennt den Eifer, den mittelalterliche Autoren bei der Beschreibung prächtiger Gewandungen an den Tag legten! - wäre eine derartige Auslegung an dieser Stelle theoretisch ja noch möglich ... Also wollen wir einen zweiten Textausschnitt ins Felde führen:

...
Meine Herrin ist mir zweierlei unzugänglich,
der ich meine Liebe entgegenbringe:
dort abgeschirmt, bin ich dagegen bei ihr durch Stolz unnahbar.
das eine hat mich verdrossen
nun manche Tage,
dagegen erfüllt mich das andere mit Sehnsucht;
sollte ich über beide Schlüssel die Aufsicht führen,
dort für ihre Person, hier für ihre Tugend,
diese Aufgabe vertriebe meine Sehnsucht
und brächte mir durch ihre Schönheit neue Jugend. ...

(Walther, L 93,29)

Der zitierte Walther sehnt sich also - wie es sich für einen Sänger gebührt! - nach der Erwiderung seiner Liebe (bemerkenswert hier der Gebrauch des Substantivs Liebe für das sonst üblichere Minne) eine Dame; dabei stellen sich ihm aber zwei Schwierigkeiten in den Weg: die Tugend besagter Dame selbst - welch Jammer! - und offensichtlich, wie klar aus dem Textausschnitt hervorgeht, die Aufsicht, unter der sie durch ihre Umgebung steht!

huote meint also Aufsicht; die Aufsicht über die Tugend höfischer Damen ebenso wie jene - im Sinne von Wache - über die heimische Burg oder das eigene Heerlager; die Begriffe burchuote (Burgbewachung), morgenhuote (Morgenwache) oder huotelôs (schutzlos im Sinne von 'ohne Bewachung') verdeutlichen dies.

Mit diesem Wissen können wir die Nachhut (afterhuote) ganz schnell (und endlich sinngebend) als jenen Teil des Heeres identifizieren, der diesem Schutz gegen Angriffe von hinten bietet; dass wir jemandem, den wir behüten, der also unter unserer Obhut steht, hegen und schützen ist uns ja immerhin noch geläufig.

Huote kann aber auch viel unmittelbar den direkten Schutz des Körpers meinen, etwa durch Rüstung und Schild, wie wir aus dem Iwein des Hartmann von Aue erlesen können, wo er den Mut und Kraft der Angreifer mit in Beziehung zu besagter Ausrüstung stellt, die sie behüten könnte:

...
Hätten sie sich damit schützen können,
wären sie ausreichend gewappnet gewesesn
...

('Iwein', Hartmann von Aue, 5008/09 )

An dieser Stelle sollte vielleicht ein Hinweis auf den sogenannten huote-Exkurs im Tristan des Gottfried von Straßburgs, der zeigt, dass es hauptsächlich die Frauen waren, die dem Verständnis vieler damaliger Zeitgenossen nach der Behütung durch die beaufsichtigende Umgebung bedurften (die eigentlich positive Grundbedeutung des Schutzes also zu einer Bevormundung wird). Gegen diese Bevormundung wird im angesprochenen Exkurs heftig Widerspruch eingelegt (vielleicht ein wesentlicher Grund dafür, dass besagte Stelle im Zentrum aktueller Forschungen steht ...).

Für eine genauere Betrachtung des Gottfried'schen Exkurses - mit der Überlegung, ob den Treue durch möglichst lückenlose huote, als Überwachung, erzwungen werden könne - sei bereits hier auf einen demnächst folgenden Artikel verwiesen ...

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